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Rente mit 70 würde Armutsbetroffene besonders belasten

Renter muss mit 70 noch auf dem Bau arbeiten

Die Forderung nach der Rente mit 70 – oder sogar älter – steht im Raum und wird von vielen als unumgänglich bezeichnet, um das Rentensystem stabil zu halten. Die Folgen eines solchen Schritts bleiben dabei meist unerwähnt, sind teils aber gravierend. Experten gehen davon aus, dass ein höheres Renteneintrittsalter die soziale Ungerechtigkeit fördern und der Gesundheit vor allem Armutsbetroffener schaden wird.

Grundsicherung im Alter

Dass immer mehr Rentner weiterhin arbeiten oder trotz 45 Jahren Maloche auf Grundsicherung im Alter angewiesen sind, sollte eigentlich zum Nachdenken anregen. Doch die einzige Lösung, die derzeit diskutiert wird, ist die Anhebung des Rentenalters auf 70 oder vielleicht auch 72 Jahre.

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Viele sind jetzt schon am Limit

Die Zeitung „Welt“ hat mit Experten gesprochen, wie sich die Rente mit 70 auswirkt. Samuel Beuttler-Bohn, Referent für Alterssicherung beim Sozialverband VdK Deutschland, kennt die Sorgen der Senioren. Viele meldeten sich jetzt schon, weil sie es schlichtweg nicht schafften, bis zum abschlagsfreien Renteneintritt zu arbeiten. Das betreffe viele Berufsgruppen, etwa Dachdecker, Paketboten und Menschen in Pflege- oder Erziehungsberufen. Kurzum: Viele, die körperlich und/oder psychisch hart arbeiten und „ohnehin schon eine vergleichsweise kleine Rente bekommen“.

Geringverdiener gehen eher in Rente

Es seien vor allem Geringverdiener, die Abschläge bei der Rente in Kauf nehmen müssten. Und die Statistik verweise noch auf einen weiteren Aspekt: Arbeiter hätten eine um vier Jahre geringere Lebenserwartung als Beamte und reiche Rentner lebten fünf Jahre länger als arme Senioren. Damit werde die geringe Rente auch kürzere Zeit bezogen.

Rentenkürzung durch die Hintertür

Auf die Gefahr der größeren sozialen Ungerechtigkeit macht Philipp Frey vom Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) in Karlsruhe aufmerksam. Für alle, die aus gesundheitlichen oder anderen Gründen nicht bis zum offiziellen Renteneintrittsalter arbeiten könnten, stelle die Rente mit 70 de facto „eine Rentenkürzung durch die Hintertür“ dar. Auch hier gelte: Leidtragende seien Menschen mit kleinem Gehalt – die nicht zu den Berufsgruppen zählen, die eine Rente mit 70 fordern.

Der Staat lässt Rentner im Stich

Die gesundheitlichen Folgen

Die finanziellen Folgen der Rente mit 70 sind ein Aspekt. Nicht minder wichtig ist der Blick auf die gesundheitlichen Konsequenzen. Aktuelle Daten hierzu sind Mangelware. Eine Analyse vom DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) aus dem Jahr 2022 hat sich mit der Rentenreform 1999 befasst. Das Renteneintrittsalter von Frauen wurde seinerzeit von 60 auf 63 Jahre angehoben.

Höheres Sterberisiko

Drei Jahre länger arbeiten zu müssen, sorgte für eine deutliche Zunahme bei psychischen Erkrankungen, Übergewicht und Problemen mit dem Muskel-Skelett-System. Besserungen habe es keine gegeben. Ähnliche Ergebnisse zeigen eine Studie aus Spanien. Sie belegt: Wer später in Rente geht, lebt im Mittel kürzer. Das Sterberisiko steige bereits bei einem Jahr mehr Arbeitszeit um 4,2 Prozentpunkte. Menschen, die eher gering qualifizierten oder körperlich und seelisch herausfordernden Arbeiten nachgingen, seien hiervon besonders betroffen.

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Scheindebatte

Statt der Rente mit 70 gibt es, davon ist Philipp Frey überzeugt,

„eine Menge Möglichkeiten, wo man nur ein bisschen Grips reinstecken muss, um das Potenzial für den Arbeitsmarkt zu heben“.

Zudem sollte man überlegen, das Rentensystem auf eine solidere Basis zu stellen, etwa nach dem Beispiel Österreichs, wo auch Selbstständige und Beamte in den großen Topf einzahlen. Die Rente mit 70 bezeichnet Frey daher als „Scheindebatte“.

Bild: Dusan Petkovic/ shutterstock.com