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Schock für Bürgergeld-Empfänger: CDU will Gesundheitsversorgung kürzen

Frau steht mir ihrer Gesundheitskarte in der Hand am Tresen beim Arzt und wird von der MFA abgewiesen.

Wer kein Geld hat, soll künftig auch weniger Gesundheit bekommen – das fordert die Junge Gruppe der Union. Für Millionen Bürgergeld-Empfänger hätte das dramatische Folgen. Dabei trifft die GKV-Reform schon jetzt alle Versicherten hart.

Die Debatte um die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nimmt eine Wendung, die viele Menschen mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen dürften: Johannes Winkel, Chef der Jungen Union und CDU-Bundestagsabgeordneter, fordert für Bürgergeld-Empfänger eine drastisch reduzierte Gesundheitsversorgung. Das berichtet Chefreporterin Karina Mößbauer in einem heute bei The Pioneer veröffentlichten Interview. Konkret will Winkel einen neuen „Gesundheitstarif“, der nur noch bei akuten Notfällen greift – also quantitativ und qualitativ deutlich geringer ausfällt als die reguläre Versorgung gesetzlich Versicherter. Wer nie in die Kasse eingezahlt hat, soll schlicht weniger bekommen. Sein CDU-Kollege Pascal Reddig macht seine Zustimmung davon abhängig, ob der Finanzminister die Gesundheitskosten für Bürgergeld-Empfänger vollständig aus dem Staatshaushalt deckt – andernfalls sei ein günstigerer Basistarif unausweichlich.

Was die GKV-Reform für alle Versicherten bedeutet

Bevor man über noch weniger Leistungen für Bürgergeld-Empfänger diskutiert, lohnt ein Blick auf das, was regulär Versicherten bereits jetzt mit der geplanten GKV-Reform droht: Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat diese Woche die Eckpunkte eines umfassenden Reformpakets vorgestellt, das noch vor der Sommerpause durch Bundestag und Bundesrat gebracht werden soll.

Krankenkassen-Reform: Höhere Kosten, weniger Leistungen – was ab 2027 droht

Die Pläne sind einschneidend. Die kostenlose Familienmitversicherung, von der derzeit rund 16 Millionen Angehörige profitieren, soll für den Großteil ab 2028 enden – Ehepartner ohne eigenes Einkommen müssten künftig bis zu über 200 Euro monatlich zusätzlich zahlen. Die Zuzahlungen für Medikamente sollen deutlich steigen. Das Krankengeld könnte von 70 auf 65 Prozent des Bruttolohns gesenkt werden. Und im Leistungskatalog soll gestrichen werden, was keinen „nachweisbaren Nutzen“ erbringt – ein Gummiparagraph, der erheblichen Spielraum für weitere Kürzungen lässt.

Mit anderen Worten: Die GKV, die ohnehin schon kein Luxussystem ist, wird für Beitragszahler weiter ausgehöhlt.

Drei-Klassen-Medizin

Und genau in diesen Kontext fällt die Forderung von Winkel und seinen Mitstreitern. Deutschland hat bereits heute kein einheitliches Gesundheitssystem. Privatversicherte genießen kürzere Wartezeiten, bessere Zimmer, direkten Zugang zu Fachärzten. Gesetzlich Versicherte sind demgegenüber längst auf ein Minimum zurückgestutzt. Wer nun für Bürgergeld-Empfänger eine dritte, noch weiter abgespeckte Versorgungsstufe einführt, schafft keine Gerechtigkeit. Er schreibt eine Drei-Klassen-Gesellschaft in der Medizin fest: oben die Privatversicherten, in der Mitte die GKV-Versicherten mit einem System, das gerade erst weiter beschnitten wurde, ganz unten die Ärmsten – mit Notfallversorgung als einzigem Sicherheitsnetz.

Was das konkret bedeutet

Kein Zahnarzt außer bei Notfällen. Keine Physiotherapie. Keine Vorsorgeuntersuchungen. All das wäre unter einem solchen „Notfalltarif“ schlicht gestrichen. Menschen, die bereits in einer der verletzlichsten Lebenssituationen stecken, würden systematisch schlechter versorgt als der Rest der Gesellschaft – nicht weil ihre Erkrankungen weniger real wären, sondern weil ihr Kontostand es nicht hergibt. Das ist keine Reform. Das ist eine Bestrafung.

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Der Teufelskreis, den die Politik ignoriert

Was in dieser Debatte vollständig fehlt: Armut und Krankheit sind kein Zufall, sondern ein wissenschaftlich belegter Teufelskreis. Krankheit führt zu Armut, Armut führt zu mehr Krankheit, und Armut führt nachweislich zu erhöhter Sterblichkeit. Wer arbeitslos ist, leidet häufiger unter Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Beschwerden. Das Immunsystem schwächelt, das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt. Soziale Isolation und gesundheitsriskantes Verhalten tun ihr Übriges. Diesen Menschen nun auch noch den Zugang zu präventiver und kurativer Gesundheitsversorgung zu kürzen, würde den Kreislauf aus Armut und Krankheit nicht durchbrechen – sondern zementieren.

„Gerechtigkeit“ als politischer Vorwand

Winkel und seine Mitstreiter nennen ihre Forderung eine „Frage der Gerechtigkeit“. Das klingt zunächst eingängig: Wer einzahlt, soll mehr bekommen als jemand, der nie eingezahlt hat. Doch dieser Vergleich hinkt gewaltig – und die Zahlen machen deutlich, warum. Laut aktueller Statistik der Bundesagentur für Arbeit sind von den rund 5,2 Millionen Bürgergeld-Beziehenden weniger als die Hälfte der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten überhaupt arbeitslos. Über 1,37 Millionen sind gar nicht erwerbsfähig – der Großteil davon Kinder unter 15 Jahren. Wer also pauschal über „die Bürgergeld-Empfänger“ schimpft, schimpft statistisch in großem Umfang über Minderjährige, über Kranke, über Pflegende und über Menschen, die bereits arbeiten, aber trotzdem nicht über die Runden kommen. Die Forderung suggeriert: Wer arm ist, ist selbst schuld. Und wer selbst schuld ist, verdient weniger Hilfe. Das ist eine gefährliche Vereinfachung – und sie ist empirisch falsch.

Was stattdessen gefordert sein müsste

Der eigentliche Skandal liegt woanders: Der Bund zahlt für jeden Bürgergeld-Empfänger lediglich eine Pauschale von 144 Euro monatlich in den Gesundheitsfonds – das deckt nur etwa ein Drittel der tatsächlichen Kosten. Die verbleibende Lücke von rund zehn Milliarden Euro jährlich schultern die Beitragszahler.

Pflichtarbeit beim Bürgergeld geplant – Nur unter anderem Namen

Die Expertenkommission von Ministerin Warken hatte die vollständige Übernahme dieser Kosten durch den Staatshaushalt als die wirksamste Entlastungsmaßnahme benannt – zwölf Milliarden Euro könnten der GKV dadurch jährlich zufließen. Doch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) lehnte das ab. Das Ergebnis ist eine politisch bequeme, aber sachlich schiefe Debatte: Bürgergeld-Empfänger geraten ins Kreuzfeuer einer Gerechtigkeitsdiskussion, die eigentlich eine Haushaltsdiskussion ist.

Die Unterfinanzierung ist eine politische Entscheidung – getroffen in Berlin, bezahlt von den Beitragszahlern. Statt diesen strukturellen Fehler zu korrigieren, wird mit dem Finger auf die Ärmsten gezeigt und deren Versorgung als Verhandlungsmasse benutzt. Eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten im Krankheitsfall im Stich lässt, spart nicht – sie schiebt Kosten nur in die Zukunft: in Form von Notaufnahmen, die überquellen, von chronischen Erkrankungen, die sich verschlimmern, von Menschen, die dauerhaft aus dem Erwerbsleben herausfallen.