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Bürgergeld trotz Job – Wenn die Arbeit nicht zum Leben reicht

Mehr als 812.000 Menschen in Deutschland gehen jeden Tag arbeiten – und sind trotzdem auf staatliche Unterstützung angewiesen. Sie werden „Aufstocker“ genannt: Menschen, deren Lohn schlicht nicht ausreicht, um ohne Bürgergeld über die Runden zu kommen. Aktuelle Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass genau jeder fünfte erwerbsfähige Bürgergeld-Bezieher gleichzeitig berufstätig ist. Und erstmals seit Jahren steigt diese Quote wieder an.

20,8 Prozent – und eine Trendwende

Von den rund 3,87 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (ELB) im Bürgergeld gehen derzeit 812.635 Menschen einer Erwerbstätigkeit nach – das entspricht einer Quote von 20,8 Prozent. Was auf den ersten Blick nach einer stabilen Zahl klingt, ist tatsächlich eine Trendwende: Zum ersten Mal seit der Einführung des Bürgergeldes Anfang 2023 ist diese Quote wieder gestiegen.

Bürgergeld Aufstockung zusätzlich zum Lohn

Damals lag sie bei 20,25 Prozent – dem bisherigen Tiefpunkt. Seitdem wächst sie: In 2024 waren es 20,72 Prozent, im laufenden Jahresdurchschnitt 2025 (Dezember 2024 bis November 2025) nun 20,80 Prozent.

Der längere Blick macht das Ausmaß der Verschiebung über ein Jahrzehnt deutlich: 2015, zu Zeiten von Hartz IV, arbeiteten noch 28,56 Prozent der erwerbsfähigen Bezieher – fast drei von zehn. Seitdem sank die Quote kontinuierlich, vor allem weil ab 2015 und erneut ab 2022 jeweils Hunderttausende neu nach Deutschland kamen und zunächst keine Arbeit aufnehmen konnten. Dass die Quote nun dreht, ist ein messbares Signal.

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Wo wird am meisten gearbeitet? Die Regionen im Vergleich

Regional gibt es einen Unterschied von mehr als 10 Prozentpunkten zwischen der Region mit der höchsten und der mit der niedrigsten Erwerbsquote – ein Gefälle, das fast exakt der wirtschaftsgeografischen Teilung Deutschlands folgt.

Die 10 Regionen mit der höchsten Erwerbsquote

Nur Kreise und kreisfreie Städte mit mindestens 5.000 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten, Datenstand August 2025.

#RegionBundeslandErwerbsquote
1Breisgau-HochschwarzwaldBW26,4 %
2OstholsteinSH25,7 %
3WiesbadenHE25,5 %
4BodenseekreisBW25,4 %
5MünsterNRW25,3 %
6KoblenzRLP25,2 %
7Oldenburg (Oldb.)NI25,0 %
8EmslandNI25,0 %
9Rheinisch-Bergischer KreisNRW24,9 %
10KielSH24,7 %

Die 10 Regionen mit der niedrigsten Erwerbsquote

#RegionBundeslandErwerbsquote
1ZollernalbkreisBW15,9 %
2GeraTH16,1 %
3Altenburger LandTH16,5 %
4MagdeburgST16,6 %
5GothaTH16,6 %
6HarzST16,6 %
7WartburgkreisTH16,8 %
8SaalekreisST16,9 %
9BördeST17,0 %
10SchwerinMV17,0 %

Das Muster ist eindeutig: Wohlhabende Regionen im Südwesten und an der Küste führen das Ranking an, die Schlusslichter liegen fast ausnahmslos in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. Das liegt nicht an fehlender Arbeitsmotivation, sondern schlicht an einem dünneren Arbeitsmarkt – wer keinen Job findet, kann auch kein Aufstocker werden.

Die Großstädte im Überblick

Köln führt mit 23,5 % das Ranking der Millionenstädte an, dahinter folgen Stuttgart (23,1 %) und die Region Hannover (23,0 %). München kommt auf 21,9 %, Frankfurt auf 21,5 %, Berlin liegt mit 20,9 % knapp über dem Bundesschnitt, Hamburg mit 19,6 % leicht darunter. Das Schlusslicht unter den großen Städten bildet Gelsenkirchen mit 18,6 %, gefolgt von Duisburg mit 18,8 %.

In welchen Branchen arbeiten Aufstocker?

Aufstocker konzentrieren sich dort, wo die Löhne am niedrigsten sind. Der entscheidende Wert ist der Anteil der Bürgergeld-Bezieher an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten einer Branche – er zeigt, wie strukturell tief das Niedriglohnproblem in einem Sektor verankert ist.

Bürgergeld & Minijob: So viel bleibt anrechnungsfrei

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BrancheAnteil Aufstocker an
allen svp. Beschäftigten
Reinigungsdienste6,28 %
Gastgewerbe3,96 %
Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit)2,62 %
Sonstige Dienstleistungen / Private Haushalte2,35 %
Verkehr und Lagerei1,87 %
Handel / Kfz1,55 %
Baugewerbe1,34 %
Gesundheits- und Sozialwesen1,16 %
Erziehung und Unterricht1,09 %
Landwirtschaft / Forstwirtschaft0,87 %
Öffentliche Verwaltung0,41 %
Verarbeitendes Gewerbe0,33 %
Information und Kommunikation0,27 %
Finanz- / Versicherungsdienstleistungen0,19 %

Die Reinigungsbranche sticht mit weitem Abstand heraus: Jeder sechzehnte Reinigungsbeschäftigte erhält ergänzend Bürgergeld. Im Gastgewerbe trifft es fast jeden fünfundzwanzigsten, in der Zeitarbeit jeden achtunddreißigsten. Am anderen Ende stehen IT und Finanzdienstleistungen, wo das Phänomen praktisch keine Rolle spielt.

Je einfacher die Tätigkeit, desto häufiger reicht der Lohn nicht

Das Anforderungsniveau der ausgeübten Berufe macht den Zusammenhang zwischen Qualifikation und Aufstockerbedarf besonders deutlich:

QualifikationsniveauAnteil Aufstocker
Helfer3,06 % – jeder 33. Beschäftigte
Fachkraft1,16 % – jeder 86. Beschäftigte
Spezialist0,26 % – jeder 380. Beschäftigte
Experte0,13 % – jeder 770. Beschäftigte

Das Aufstockerproblem ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles Merkmal des Niedriglohnsektors. Je höher die Qualifikationsanforderung, desto seltener kommt es zur Aufstockung.

Minijob, Teilzeit oder Vollzeit – wie viel arbeiten Aufstocker eigentlich?

Wer aufstockt, arbeitet in den meisten Fällen nicht in einem klassischen Vollzeitjob. Das zeigt die Aufschlüsselung nach Beschäftigungsform deutlich: Jeweils rund ein Drittel der Aufstocker ist entweder ausschließlich als Minijobber tätig oder in sozialversicherungspflichtiger Teilzeit beschäftigt. Nur knapp jeder Zehnte geht einer sozialversicherungspflichtigen Vollzeitstelle nach.

Das ist ein entscheidender Befund: Wer nur einen Minijob hat, erhält nach aktuellem Stand maximal 603 Euro im Monat – das reicht für kaum jemanden zur Deckung des Lebensunterhalts. Im Statistik-Zeitraum 2025 waren es 556 Euro Minijob-Grenze. Aber auch Teilzeitlöhne in Niedriglohnbranchen wie Reinigung oder Gastgewerbe führen oft nicht aus dem Bürgergeld-Bezug heraus. Der Aufstockerbedarf ist daher nicht allein ein Lohnproblem, sondern häufig auch ein Stundenumfang-Problem.

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Deutsche und Ausländer im Bürgergeld

Fast die Hälfte aller erwerbsfähigen Bürgergeld-Bezieher (46,7 Prozent) sind Ausländer – weit über ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Dabei zeigt sich ein auf den ersten Blick überraschendes Bild: Ausländer im Bürgergeld gehen anteilig häufiger arbeiten als Deutsche in derselben Situation. Ihre Erwerbsquote liegt bei 22,2 Prozent, die der deutschen Bezieher bei 19,6 Prozent.

Trotzdem stellen sie knapp die Hälfte aller Aufstocker – weil sie überproportional in den Branchen mit den niedrigsten Löhnen tätig sind: Reinigung, Gastgewerbe, Lagerhaltung, Zeitarbeit. Sie arbeiten also häufiger, verdienen dabei aber seltener genug zum Leben.

Wie sich die sogenannte ELB-Quote – der Anteil der Bürgergeld-Bezieher an allen Personen einer Staatsangehörigkeit in Deutschland – über die Jahre verändert hat, zeigt folgende Übersicht:

Herkunft20182023Nov. 2025Veränderung
Syrien82,9 %50,4 %46,0 %– 36,9 Pkt.
Irak56,4 %38,4 %33,3 %– 23,1 Pkt.
Afghanistan37,4 %39,5 %40,1 %+ 2,7 Pkt.
Ukraine59,9 %49,2 %– 10,7 Pkt.

Bei der Ukraine ist die Veränderung von 2018 nicht aussagekräftig, da der Massenzuzug erst ab Kriegsbeginn Februar 2022 einsetzte. Die Veränderung bezieht sich daher auf 2023 bis November 2025.

Bei Syrern und Irakern ist ein klarer Rückgang über Jahre erkennbar – Integration wirkt, braucht aber Zeit. Bei Afghanen stagniert die Quote, was unter anderem daran liegt, dass der Zuzug anhielt und Neuankömmlinge den Durchschnitt immer wieder nach oben zogen. Die Ukraine ist ein Sonderfall, der sich unmittelbar aus dem Kriegsgeschehen erklärt und nicht direkt mit den anderen Gruppen vergleichbar ist.

Der hohe Ausländeranteil unter den Bürgergeld-Empfängern erklärt sich maßgeblich durch zwei große Zuzugswellen: die Ankunft hunderttausender Migranten aus Syrien und Afghanistan ab 2015 sowie die Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine ins Bürgergeld ab Juni 2022. Viele dieser Menschen starteten ohne Sprachkenntnisse und ohne anerkannte Berufsabschlüsse – wer unter solchen Bedingungen beginnt, braucht Zeit bis zur wirtschaftlichen Eigenständigkeit. Dass die Erwerbsquote dieser Gruppe dennoch über der der deutschen Bezieher liegt, ist ein Befund, der in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt.

Was die Zahlen wirklich sagen

Über 812.000 arbeitende Bürgergeld-Empfänger belegen täglich: Das System ist in vielen Fällen kein Auffangnetz für Arbeitsunwillige. Es ist ein Zeichen dafür, dass Arbeit in Deutschland – insbesondere in Reinigungs-, Gastgewerbe- und Logistikberufen – strukturell nicht ausreichend entlohnt wird. Je einfacher die Tätigkeit, desto wahrscheinlicher reicht das Gehalt nicht zum Leben.

Die erstmalige Trendumkehr bei der Aufstockerquote nach Jahren des Rückgangs ist dabei ein positives Signal. Ob es nachhaltig ist, werden die kommenden Monate zeigen.

Quellen: Statistik der Bundesagentur für Arbeit: