Knapp jeder fünfte Beschäftigte in Deutschland verdient weniger als 15 Euro brutto pro Stunde. Nach aktuellen Regierungsdaten auf eine Anfrage der Linken sind das 7,7 Millionen Menschen – 19,3 Prozent aller Beschäftigten. Rund 5 Millionen verdienen sogar weniger als 14 Euro. Niedriglohn ist in Deutschland kein Randphänomen, sondern Alltag für Millionen.
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Was als Niedriglohn gilt
Die offizielle Niedriglohnschwelle lag im April 2025 bei 14,32 Euro – weniger als zwei Drittel des mittleren Bruttolohns von 21,48 Euro pro Stunde. Der gesetzliche Mindestlohn liegt seit Januar 2026 bei 13,90 Euro und soll 2027 auf 14,60 Euro steigen – und damit immer noch unterhalb der Niedriglohnschwelle. Laut Hans-Böckler-Stiftung wären bereits 2025 mindestens 15,12 Euro nötig gewesen, um die von der EU vorgesehene 60-Prozent-Schwelle zu erreichen.
Wer besonders betroffen ist
Im Gastgewerbe liegt über die Hälfte aller Stellen unterhalb der Niedriglohnschwelle. Auch Land- und Forstwirtschaft sowie Kunst und Unterhaltung sind überdurchschnittlich betroffen. Rund 4,3 Millionen der Betroffenen sind Frauen – häufig wegen Teilzeitarbeit und unterbrochener Erwerbsbiografien.
Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag: Wenn Arbeit nicht reicht
Rund 830.000 Menschen in Deutschland arbeiten und beziehen trotzdem Bürgergeld, weil ihr Lohn schlicht nicht ausreicht. Die meisten davon sind in Minijobs oder Teilzeit beschäftigt – nur etwa zehn Prozent arbeiten Vollzeit. Hinzu kommen Hunderttausende, die auf Wohngeld oder den Kinderzuschlag angewiesen sind: staatliche Leistungen, die dort einspringen, wo das Einkommen für Miete und Kinderversorgung nicht reicht.
Die Mindestlohnerhöhungen 2026 und 2027 (13,90 und 14,60 Euro) ändern daran wenig. Wer in Teilzeit oder im Minijob arbeitet, kommt durch die Anhebung in den meisten Fällen nicht aus der Grundsicherung heraus. Wer hingegen 2026 durchgehend zum Mindestlohn in Vollzeit arbeitet, erzielt ein Nettoeinkommen von rund 1.600 Euro – und hat damit keinen Bürgergeld-Anspruch mehr. Bei Familien oder hohen Mietkosten sieht die Rechnung aber oft anders aus.
Bürgergeld trotz Job: Mindestlohn schlicht zu niedrig
Der Teufelskreis: Niedriglohn heute, Altersarmut morgen
Was im Arbeitsalltag knapp ist, fehlt später in der Rente. Das Prinzip ist einfach: Wer wenig verdient, sammelt wenige Rentenpunkte – und bekommt am Ende wenig Rente. Wer 2026 das ganze Jahr zum aktuellen Mindestlohn von 13,90 Euro in Vollzeit arbeitet, kommt auf ein Jahresbrutto von rund 28.900 Euro. Da das vorläufige Durchschnittsentgelt für 2026 bei 51.944 Euro liegt, ergibt das pro Jahr nur rund 0,56 Rentenpunkte – statt dem vollen Punkt, den Durchschnittsverdiener sammeln.
Nach 45 Jahren Vollzeit zum Mindestlohn landet man so bei lediglich etwa 25 Rentenpunkten. Mit dem neuen Rentenwert ab Juli 2026 (42,52 Euro) ergibt das eine Bruttorente von rund 1.063 Euro. Inklusive des berechneten Grundrentenzuschlags kommt man laut Schätzungen des DGB auf etwa 1.150 Euro netto (nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung).
Zum Vergleich: Die offizielle Armutsgefährdungsschwelle für Alleinstehende liegt 2026 bereits bei rund 1.446 Euro netto. Wer sein Leben lang zum Mindestlohn schuftet, bleibt also trotz 45 Jahren Arbeit ein Leben lang armutsgefährdet.
Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache: Fast jeder fünfte Rentner gilt bereits als armutsgefährdet, bei Frauen liegt die Quote über 20 Prozent. Und die eigene Rente wird auf die Grundsicherung voll angerechnet: Eine Rentenerhöhung führt dann oft nicht zu mehr Geld im Portemonnaie, sondern schlicht zu einer Kürzung der staatlichen Zuschüsse. Rücklagen bilden oder privat vorsorgen? Für Menschen im Niedriglohnsektor bleibt das eine Illusion. Der Teufelskreis schließt sich.
Was das bedeutet
Der oft gehörte Satz „Arbeit muss sich lohnen“ ist für Millionen Beschäftigte noch keine Realität. Solange ein erheblicher Teil der verfügbaren Jobs unterhalb oder knapp oberhalb der Niedriglohnschwelle liegt, bleibt das Bürgergeld für viele Menschen kein Zeichen von Arbeitsunwilligkeit – sondern das Ergebnis eines Arbeitsmarkts, der keine auskömmlichen Löhne zahlt. Und wer heute im Niedriglohnsektor arbeitet, legt damit oft den Grundstein für Altersarmut morgen.
Fazit: Mehr als nur eine Statistik
Der Weg aus dem Teufelskreis erfordert mehr als kosmetische Korrekturen am Mindestlohn. Solange die Rentenpunkte im Niedriglohnsektor nicht für ein Leben oberhalb des Sozialhilfeniveaus reichen, ändert sich für Millionen Menschen am Ende nichts. Es braucht eine ehrliche Debatte darüber, wie Lebensleistung im Alter gewürdigt wird – damit „Arbeit muss sich lohnen“ nicht zur leeren Worthülse verkommt. Denn im Moment tut es das für zu viele.
