In Deutschland leben 13,3 Millionen Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Das zeigt der neue Armutsbericht 2026 des Paritätischen Gesamtverbandes. Die Armutsquote liegt demnach bei 16,1 Prozent. Damit ist etwa jeder sechste Mensch in Deutschland betroffen.
Der Bericht erscheint in einer Phase, in der über Sozialausgaben, Bürgergeld, Wohngeld, Renten und die Finanzierbarkeit des Sozialstaats gestritten wird. Der Paritätische sieht in den Zahlen einen Beleg für wachsende soziale Spaltung. Die zugrunde liegenden Daten stammen aus der amtlichen Statistik.
Wichtig ist die Einordnung der Quelle: Der Paritätische Gesamtverband ist ein Sozial- und Wohlfahrtsverband und vertritt selbst sozialpolitische Positionen. Seine Bewertung ist deshalb nicht mit einer neutralen Behördenmeldung gleichzusetzen. Die Grunddaten beruhen jedoch auf den amtlichen EU-SILC-Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes.
Destatis bestätigt Armutsgefährdung von 16,1 Prozent
Nach der amtlichen Definition gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn ihr Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung liegt. Das Statistische Bundesamt hatte bereits im Februar gemeldet, dass rund 13,3 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb dieser Schwelle leben. Die Armutsgefährdungsquote lag bei 16,1 Prozent. Im Jahr zuvor waren es 15,5 Prozent.
Für eine alleinlebende Person lag die Armutsgefährdungsgrenze 2025 bei 1.446 Euro netto im Monat. Für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren lag sie bei 3.036 Euro netto im Monat.
Inzwischen liegen die Endergebnisse zu EU-SILC 2025 vor. Sie bestätigen die zentrale Entwicklung. Zu beachten ist: Das Erhebungsjahr 2025 bezieht sich beim Einkommen auf das Vorjahr. Die Zahlen beschreiben also im Kern die Einkommenssituation des Jahres 2024.
Bereits im Februar hatte buergergeld.org über die gestiegene Armutsgefährdung in Deutschland berichtet. Der neue Armutsbericht liefert nun vor allem zusätzliche Einordnung nach Regionen und besonders betroffenen Gruppen.
Armutsgefährdung steigt auf 16,1 Prozent – 13,3 Millionen Menschen betroffen
Große Unterschiede zwischen den Bundesländern
Der Paritätische legt im neuen Bericht einen Schwerpunkt auf regionale Unterschiede. Besonders deutlich ist der Abstand zwischen Bayern und Bremen. In Bayern liegt die Armutsquote bei 12,6 Prozent, in Bremen bei 27,5 Prozent. Damit ist in Bremen mehr als jeder vierte Mensch betroffen.
Auch Sachsen-Anhalt liegt mit 21,3 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Hamburg kommt auf 18,9 Prozent, Berlin auf 18,7 Prozent. Der Abstand zwischen dem Bundesland mit der niedrigsten und der höchsten Armutsquote beträgt 14,9 Prozentpunkte.
| Bundesland | Armutsquote 2025 |
|---|---|
| Bremen | 27,5 % |
| Sachsen-Anhalt | 21,3 % |
| Hamburg | 18,9 % |
| Berlin | 18,7 % |
| Nordrhein-Westfalen | 17,6 % |
| Niedersachsen | 17,4 % |
| Thüringen | 17,4 % |
| Hessen | 17,3 % |
| Mecklenburg-Vorpommern | 16,8 % |
| Schleswig-Holstein | 16,8 % |
| Sachsen | 16,7 % |
| Rheinland-Pfalz | 15,9 % |
| Saarland | 15,5 % |
| Brandenburg | 14,7 % |
| Baden-Württemberg | 13,2 % |
| Bayern | 12,6 % |
Die regionale Auswertung im vollständigen Armutsbericht 2026 nutzt den Bundesmedian. Die Armutsgrenze wird also bundesweit einheitlich berechnet und nicht für jedes Bundesland einzeln festgelegt.
Arbeitslose haben das höchste Armutsrisiko
Am stärksten betroffen sind Arbeitslose. Nach den Destatis-Endergebnissen nach soziodemografischen Merkmalen lag ihre Armutsgefährdungsquote 2025 bei 65,5 Prozent.
Auch sonstige Nichterwerbstätige liegen mit 33,9 Prozent deutlich über dem Durchschnitt. Personen im Ruhestand kommen auf 18,9 Prozent. Erwerbstätige sind mit 6,8 Prozent wesentlich seltener betroffen, aber nicht vollständig vor Armut geschützt.
Für die Bürgergeld-Debatte sind diese Zahlen relevant, weil sie das Armutsrisiko bei Arbeitslosigkeit deutlich zeigen. Zugleich machen sie sichtbar, dass Armutsgefährdung nicht auf Bürgergeld-Empfänger begrenzt ist. Auch Rentner, Alleinlebende, Alleinerziehende und ein Teil der Erwerbstätigen liegen unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze.
Alleinlebende und Alleinerziehende besonders betroffen
Auch die Haushaltsform spielt eine große Rolle. Nach der Destatis-Tabelle zur Armutsgefährdung nach Haushaltstyp waren 2025 insgesamt 30,3 Prozent der Alleinlebenden armutsgefährdet. Bei Alleinerziehenden lag die Quote bei 28,9 Prozent.
Bei Paaren mit Kindern lag die Armutsgefährdungsquote dagegen bei 12,0 Prozent, bei Paaren ohne Kind bei 10,7 Prozent. Der Unterschied hängt vor allem mit der Kostenverteilung im Haushalt zusammen. Wer allein lebt, muss Miete, Strom, Heizung und laufende Fixkosten aus einem Einkommen finanzieren. Alleinerziehende tragen zusätzlich das Risiko, Kinderbetreuung, Erwerbsarbeit und Haushaltskosten allein organisieren zu müssen.
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Altersarmut bleibt überdurchschnittlich hoch
Auch ältere Menschen sind überdurchschnittlich betroffen. Nach Destatis lag die Armutsgefährdungsquote bei Menschen ab 65 Jahren 2025 bei 19,5 Prozent. Bei Frauen ab 65 Jahren waren es 21,3 Prozent, bei Männern derselben Altersgruppe 17,3 Prozent.
Destatis verweist in seiner Auswertung zur Armutsgefährdung älterer Menschen darauf, dass Frauen im Alter häufiger betroffen sind. Gründe können niedrigere Erwerbseinkommen, Teilzeitphasen, Erwerbsunterbrechungen und geringere Rentenansprüche im Lebensverlauf sein.
Materielle Entbehrung zeigt die Folgen im Alltag
Neben der Einkommensarmut betrachtet der Bericht auch materielle und soziale Entbehrung. Nach Angaben des Paritätischen leben 4,6 Millionen Menschen in erheblicher materieller und sozialer Entbehrung.
Gemeint sind Haushalte, die sich grundlegende Dinge nicht leisten können, etwa unerwartete Ausgaben, ausreichendes Heizen, regelmäßige Freizeitaktivitäten oder den Ersatz notwendiger Haushaltsgeräte. Dieser Wert ist wichtig, weil Einkommensquoten allein abstrakt bleiben. Materielle Entbehrung zeigt konkreter, wo Armut im Alltag sichtbar wird: Rechnungen werden geschoben, Anschaffungen fallen aus, soziale Teilhabe wird eingeschränkt.
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Was die Zahlen für die Bürgergeld-Debatte bedeuten
Der Armutsbericht erscheint in einer politischen Lage, in der über Bürgergeld, Sozialausgaben und Reformen des Sozialstaats gestritten wird. Aus Sicht des Paritätischen zeigen die Zahlen, dass Kürzungen im Sozialbereich die Lage vieler Betroffener verschärfen könnten.
Eine andere Perspektive vertreten wirtschaftsnahe Institute. Das Institut der deutschen Wirtschaft verweist in der Sozialstaatsdebatte darauf, dass die Kombination aus Wohngeld und Kinderzuschlag Einkommensbereiche schaffen kann, in denen zusätzliche Erwerbsarbeit kaum oder gar nicht zu einem höheren verfügbaren Einkommen führt.
Auch das ifo Institut verweist auf Reformbedarf. Nach seinen Berechnungen könnte eine Zusammenfassung von Bürgergeld, Wohngeld und Kinderzuschlag zu einer Leistung Arbeitsanreize erhöhen und die öffentlichen Haushalte entlasten.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche Deutungen gegenüber: Der Paritätische sieht vor allem unzureichende soziale Absicherung und wachsende Armutsrisiken. Wirtschaftsforschungsinstitute betonen stärker die Wechselwirkungen zwischen Transfersystem, Arbeitsanreizen und Finanzierbarkeit.
Armutsbericht zeigt Ausmaß, aber nicht die politische Lösung
Der Armutsbericht 2026 zeigt, wie viele Menschen in Deutschland unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze leben und welche Gruppen besonders betroffen sind. Er zeigt aber nicht automatisch, welche politische Antwort daraus folgen muss.
Genau hier beginnt die eigentliche Debatte: Sozialverbände fordern stärkere Absicherung, während wirtschaftsnahe Institute vor allem bessere Arbeitsanreize, zielgenauere Leistungen und tragfähige Staatsfinanzen betonen. Die Statistik entscheidet diesen Streit nicht. Sie zeigt das Ausmaß der Armutsgefährdung und macht sichtbar, welche Gruppen besonders häufig betroffen sind.

