Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) hat es öffentlich eingeräumt: An Einsparungen beim Wohngeld führe „kein Weg vorbei“. Eine Milliarde Euro muss ihr Ministerium im Haushalt 2027 einsparen. Besonders brisant: Für das Wohngeld sind 2026 rund 2,4 Milliarden Euro eingeplant – um die geforderte Milliarde einzusparen, müssten rechnerisch mehr als 40 Prozent dieser Summe wegfallen. Wie die Kürzung konkret aussehen soll, ist noch nicht entschieden.
Eine Milliarde, die irgendwo herkommen muss
Finanzminister Lars Klingbeil hatte Ende April 2026 die Sparvorgaben für alle Bundesministerien konkretisiert. Das Bauministerium trifft es mit einer Milliarde Euro bei einem Gesamtetat von 8,3 Milliarden Euro. Hubertz erklärte dazu gegenüber der Rheinischen Post, diese Summe komme „selbst bei einem Kahlschlag der Förderprogramme in unserem Kernhaushalt“ nicht zusammen. Die Neubauförderung und der soziale Wohnungsbau – für 2027 mit fünf Milliarden Euro geplant – sollen unangetastet bleiben. Damit rückt das Wohngeld in den Mittelpunkt der Sparüberlegungen.
Aus dem Ministerium heißt es, man werde die Sparvorgaben „durch eine Neustrukturierung des Wohngeldes erfüllen“ – wobei die Leistung „gerecht und zielgerichtet“ bleiben solle. Konkreter wird das Ministerium bislang nicht – Zahlen sollen erst mit dem Regierungsentwurf zum Bundeshaushalt 2027 vorgelegt werden, der Anfang Juli 2026 im Kabinett beschlossen werden soll.
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Was die Reform von 2023 brachte – und was nun wackelt
Das Wohngeld ist ein staatlicher Mietzuschuss für Haushalte mit niedrigem Einkommen, die keine Grundsicherung beziehen. Es richtet sich an Geringverdiener, Rentner und Eigentümer selbstgenutzter Immobilien, die trotz eigenem Einkommen die Wohnkosten nicht stemmen können. Ende 2024 bezogen rund 1,24 Millionen Haushalte im Schnitt 287 Euro pro Monat. Bund und Länder tragen die Kosten je zur Hälfte.
Dass so viele Menschen überhaupt Anspruch haben, ist das Ergebnis einer gezielten Reform: Zum 1. Januar 2023 trat das Wohngeld-Plus-Gesetz in Kraft, eingeführt von Hubertz‘ SPD-Vorgängerin Klara Geywitz. Die SPD feierte es damals als „sozialpolitischen Meilenstein“. Der Kreis der Anspruchsberechtigten wurde von rund 600.000 auf bis zu zwei Millionen Haushalte ausgeweitet, dazu kamen eine Heizkostenkomponente und eine Klimakomponente. Gleichzeitig wurde gesetzlich verankert, dass das Wohngeld alle zwei Jahre an die Miet- und Einkommensentwicklung angepasst werden muss. Die nächste Pflichterhöhung wäre zum 1. Januar 2027 fällig. Genau das steht jetzt auf dem Spiel.
Zwei Optionen, beide mit Folgen
Laut Recherchen von Table.Media werden intern zwei Varianten diskutiert. Die erste wäre eine Verschärfung der Anspruchsvoraussetzungen, sodass weniger Menschen Wohngeld erhalten können. Wer dann herausfällt, aber die Wohnkosten weiterhin nicht stemmen kann, müsste Grundsicherungsgeld – das heutige Bürgergeld – oder Sozialhilfe beantragen, Leistungen, die mit Vermögensprüfungen und deutlich mehr Auflagen verbunden sind.
Die zweite Möglichkeit wäre das Aussetzen der gesetzlich vorgeschriebenen Dynamisierung. Wird die Wohngeld-Anpassung zum 1. Januar 2027 gestrichen, friert die Leistung auf dem heutigen Stand ein – während die Mieten weitersteigen.
Wer das Wohngeld bisher bekommt, zahlt die Zeche: 44 Prozent der Wohngeldbezieher sind Familien, darunter viele Alleinerziehende, in 52 Prozent der Haushalte leben Rentner.
Widerstand – auch aus der eigenen Partei
Hubertz selbst räumt ein, das Vorhaben sei „nicht nur schmerzhaft für die Menschen, die es betrifft, sondern auch für uns als Sozialdemokraten“. Im Bundestag sagte sie, sie tue sich damit „wirklich schwer“. Aus der Partei kommt dennoch zusätzlicher Druck.
Der Berliner SPD-Landesvorsitzende Steffen Krach sagte dem Stern, er unterstütze eine Reform nur, „wenn sie an der Bürokratie spart und den Leistungsbezug vereinfacht“ – Kürzungen lehne er kategorisch ab. Allein in Berlin wären rund 55.000 Haushalte von einer Wohngeldkürzung betroffen, viele davon im Osten der Stadt. „Für diese Menschen gehen wir als Berliner SPD auf die Barrikaden“, so Krach.
Aus der Opposition kommen schärfere Töne. Der Grünen-Abgeordnete Timon Dzienus warf der Bundesregierung laut taz vor, „Menschen mit den horrenden Mieten“ alleinzulassen: „Das ist das Unsozialste, was ich von der SPD seit Langem gehört habe.“ Eine Kürzung müsse „verhindert werden.“
Einsparungen beim Wohngeld gelten trotz des Widerstands als kaum noch abwendbar. Wie genau der Sparkurs aussehen soll, wird noch verhandelt – der Kabinettsentwurf Anfang Juli soll Klarheit bringen. Bis dahin wissen 1,2 Millionen Haushalte nicht, was auf sie zukommt.