Die neue Zuckersteuer kommt – und bezahlt wird sie am Ende an der Ladenkasse. Bei vollständiger Weitergabe könnte eine Zwei-Liter-Flasche Cola rund 90 Cent mehr kosten, eine ebenso große Packung Eistee etwa 62 Cent. Politisch ist das umstritten, denn Bundeskanzler Friedrich Merz und CSU-Chef Markus Söder hatten Steuererhöhungen ausdrücklich ausgeschlossen. Auch die gesundheitspolitische Begründung bröckelt: Die erwarteten Einnahmen fließen als Steuergeld in den Bundeshaushalt und stehen den Krankenkassen nicht automatisch zur Verfügung.
Aus 38 Cent Steuer werden 45 Cent an der Kasse
Die Bundesregierung hat die zusätzliche Belastung zuckerhaltiger Getränke bereits grundsätzlich beschlossen. Inzwischen ist klar, dass sie als neue Verbrauchsteuer umgesetzt werden soll. Das Bundesfinanzministerium schlägt dafür je nach Zuckergehalt 26, 32 oder 38 Cent pro Liter vor.
Die niedrigste Stufe soll bereits bei 4,5 Gramm Zucker je 100 Milliliter beginnen. Ab 7 Gramm wären es 32 Cent, ab 10 Gramm 38 Cent pro Liter. Eine klassische Cola mit rund 10,6 Gramm Zucker erreicht damit die höchste Stufe.
Gezahlt wird die Steuer zwar zunächst von Herstellern oder Importeuren. Bleibt es bei der üblichen Weitergabe über den Verkaufspreis, tragen jedoch die Verbraucher die Belastung. Auf 38 Cent Steuer kommen zusätzlich 19 Prozent Mehrwertsteuer. Aus der höchsten Stufe werden damit rund 45 Cent je Liter oder etwa 90 Cent bei einer Zwei-Liter-Flasche.
Bei Eistee mit ungefähr 6 Gramm Zucker wären es einschließlich Mehrwertsteuer knapp 31 Cent je Liter. Eine Zwei-Liter-Packung könnte sich dadurch um rund 62 Cent verteuern. Die Preise müssen nicht centgenau so steigen, doch die Richtung ist kaum zweifelhaft. Die FinanzKommission Gesundheit verweist auf internationale Untersuchungen, nach denen durchschnittlich 82 Prozent vergleichbarer Abgaben an Verbraucher weitergereicht wurden.
Die Steuer reicht weit über Cola und Limonade hinaus
Die Besteuerung soll zudem nicht am klassischen Softdrink enden. Das Papier aus dem Finanzministerium erfasst auch Nektare, Smoothies, Eistees, Milchmischgetränke, Fertigkaffees, Haferdrinks, Biermischgetränke sowie alkoholfreie Biere und Weine. Hinzu kommen Sirupe, Konzentrate und Getränkepulver. Ausgenommen waren lediglich hundertprozentige Fruchtsäfte und reine Milch.
Sogar Zero- und Light-Getränke wollte die Arbeitsebene zunächst mit 26 Cent je Liter belegen. Nach heftiger Kritik zog Finanzminister Lars Klingbeil diese Idee am 26. August zurück. Eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke werde nicht kommen, erklärte der SPD-Chef. Damit ist dieser besonders widersprüchliche Teil vom Tisch.
Für Verbraucher entschärft Klingbeils Rückzug nur einen Teil des Vorhabens. Bei den übrigen Produktgruppen läuft der Streit weiter, und das Finanzministerium will die Steuerbasis erklärtermaßen breit halten. Genau dieser Ansatz lässt Zweifel daran aufkommen, ob allein weniger Zucker oder nicht ebenso sehr eine verlässliche neue Einnahmequelle das Ziel ist.
Mit Gesundheit begründet, im Bundeshaushalt verrechnet
Am Anfang stand ein nachvollziehbarer gesundheitspolitischer Gedanke. Die FinanzKommission Gesundheit empfahl im März eine nach Zuckergehalt gestaffelte Steuer nach britischem Vorbild. Hersteller sollten ihre Rezepturen verändern, der Zuckerkonsum sollte sinken. Die Kommission schlug außerdem vor, die erwarteten Einnahmen von rund 450 Millionen Euro dem Gesundheitsfonds der gesetzlichen Krankenversicherung zur Verfügung zu stellen.
Der tatsächliche Geldfluss ist komplizierter. Das Aufkommen der Zuckersteuer geht zunächst in den Bundeshaushalt und ist rechtlich nicht für die Krankenkassen reserviert. Politisch hat die Koalition dennoch eine Verbindung zum Gesundheitssystem hergestellt: Der finanzielle Spielraum aus der neuen Steuer soll eine bereits geplante Kürzung des Bundeszuschusses zum Gesundheitsfonds abmildern.
Dieser Zusammenhang ist im bereits beschlossenen GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz eingerechnet. Der reguläre Bundeszuschuss liegt bislang bei 14,5 Milliarden Euro und sollte ab 2027 auf 12,5 Milliarden Euro sinken. Nach der Beschlussempfehlung des Gesundheitsausschusses beträgt er nun 13,15 Milliarden Euro im Jahr 2027 und ab 2028 jährlich 12,95 Milliarden Euro. Als Begründung nennt der Ausschuss ausdrücklich den finanziellen Spielraum aus der Zuckersteuer. Dafür sind 2027 rund 650 Millionen Euro und anschließend jährlich 450 Millionen Euro angesetzt.
Zusätzliches Geld gegenüber heute erhalten die Krankenkassen dadurch nicht. Die neue Steuer verhindert lediglich einen Teil der vorgesehenen Kürzung. Selbst mit ihr sinkt der reguläre Bundeszuschuss 2027 um 1,35 Milliarden Euro und anschließend um 1,55 Milliarden Euro pro Jahr. Verbraucher zahlen also eine neue Steuer, während der Bund seinen bisherigen Zuschuss zum Gesundheitsfonds trotzdem reduziert.
Erst wurden Steuererhöhungen ausgeschlossen
Gerade deshalb wiegt der politische Widerspruch schwer. Noch im August 2025 betonten Merz und Söder, die Regierung werde keine Steuern erhöhen. Söder sagte damals unmissverständlich: „Nein, wir erhöhen jetzt keine Steuern.“ Nun soll eine zusätzliche Verbrauchsteuer eingeführt werden, die bei alltäglichen Einkäufen sichtbar wird.
Formal lässt sich einwenden, dass keine vorhandene Steuer angehoben, sondern eine neue geschaffen wird. Für Verbraucher ist diese Unterscheidung ohne Wert. Ob ein bestehender Steuersatz steigt oder ein neuer Aufschlag auf der Flasche liegt, ändert nichts am höheren Kassenbon.
Hinzu kommt das Tempo. Noch im April plante das Bundeskabinett den Start für 2028. Inzwischen soll die Zuckersteuer bereits 2027 Geld einbringen. Die höheren Einnahmen im ersten Jahr beruhen auch darauf, dass den Herstellern weniger Zeit bleibt, den Zuckergehalt ihrer Getränke zu senken und der Steuer auszuweichen.
Der Gesundheitseffekt macht die neue Steuer nicht zweckgebunden
Eine gestaffelte Zuckersteuer kann dennoch gesundheitlich wirken. In Großbritannien sank der durchschnittliche Zuckergehalt von Softdrinks nach Einführung der Herstellerabgabe deutlich. Für Deutschland erwartet die FinanzKommission langfristig weniger Diabetesfälle und Einsparungen der Krankenkassen von jährlich 20 bis 170 Millionen Euro.
Diese möglichen Effekte ändern aber nichts an der finanziellen Konstruktion. Einsparungen durch weniger Erkrankungen entstehen erst über Jahre, während der Bund die Steuereinnahmen sofort verbuchen kann. Die Steuer speist keinen zusätzlichen Gesundheitstopf, sondern macht die geplante Kürzung des Bundeszuschusses weniger drastisch. Wer behauptet, sie bringe den Krankenkassen 650 Millionen Euro zusätzlich, verspricht daher mehr, als die aktuelle Konstruktion hergibt.
Die genaue Höhe und der endgültige Kreis der betroffenen Getränke sind noch nicht Gesetz. Darüber streiten Finanz-, Gesundheits- und Landwirtschaftsministerium. Die Richtung steht jedoch fest: Die Bundesregierung will die neue Zuckersteuer einführen, rechnet bereits 2027 mit ihren Einnahmen und nimmt damit eine höhere Belastung der Verbraucher in Kauf.