Ein Rekord, der leise daherkommt, aber für Hunderttausende bittere Realität ist: Ende September 2025 beziehen rund 755.300 Rentner in Deutschland Grundsicherung. Das ist ein historischer Höchststand. Die Zahlen belegen ein strukturelles Versagen: Für immer mehr Menschen reicht die gesetzliche Rente nach einem langen Erwerbsleben nicht mehr aus, um ohne aufstockende Sozialhilfe über die Runden zu kommen.
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Die Armutsspirale dreht sich weiter
Die neuesten Daten des Statistischen Bundesamtes, abgefragt durch die Bundestagsgruppe des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW), zeichnen ein düsteres Bild. Innerhalb von nur drei Monaten stieg die Zahl der Empfänger um etwa 6.000 Fälle. Doch das eigentliche Problem zeigt sich im langfristigen Vergleich: Seit Ende 2021 ist die Zahl der betroffenen Rentner um rund 30 Prozent nach oben geschnellt.
Rente zu niedrig? Mit Wohngeld oder Grundsicherung aufstocken
Dieser kontinuierliche Anstieg ist kein kurzfristiger Sondereffekt, sondern das Ergebnis einer toxischen Mischung aus stagnierenden Rentenniveaus, explodierenden Mieten und hohen Lebenshaltungskosten.
Die letzte Instanz: Wenn selbst das Wohngeld nicht mehr reicht
Um die Brisanz dieser Zahlen zu verstehen, muss man die Systematik dahinter kennen: Die Grundsicherung im Alter (SGB XII) ist faktisch das „Bürgergeld für Rentner“. In der Hierarchie der staatlichen Hilfen steht sie an unterster Stelle.
Bevor Rentner diesen Antrag stellen, greifen oft andere Instrumente wie das Wohngeld. Doch der neue Rekordwert zeigt: Für immer mehr Menschen reicht dieser bloße Mietzuschuss nicht mehr aus. Als grobe Faustregel gilt: Wer als alleinstehender Rentner insgesamt weniger als etwa 1.100 Euro zur Verfügung hat, sollte seinen Anspruch prüfen lassen. Erst wenn Rente, privates Vermögen und Zuschüsse nicht mehr für das Nötigste (Regelsatz von derzeit 563 € plus Miete und Heizung) genügen, springt die Sozialhilfe ein. Wer sie bezieht, lebt offiziell am staatlich definierten Minimum.
Das weibliche Gesicht der Armut
Besonders dramatisch ist die Lage für Frauen. Mit rund 428.685 Betroffenen stellen sie knapp 57 Prozent aller Empfänger. Hier zeigt sich der sogenannte Gender Pension Gap in seiner härtesten Form: Jahrzehnte in Teilzeit, Erwerbsbiografien mit Unterbrechungen für Kindererziehung oder Pflege sowie die Arbeit im Niedriglohnsektor rächen sich im Alter. Was früher als „Normalbiografie“ galt, führt heute direkt in die Abhängigkeit vom Sozialamt.
Die unsichtbare Armut: Dunkelziffer und Scham
So erschreckend die Zahl von über 755.000 Betroffenen ist – sie bildet vermutlich nur die Spitze des Eisbergs ab. Experten warnen seit langem vor einer massiven Dunkelziffer. Viele Senioren verzichten aus Scham oder Unwissenheit auf den Gang zum Amt.
Hinzu kommt die Hürde des Schonvermögens: Wer Grundsicherung will, muss sein Erspartes bis auf einen kleinen Freibetrag aufbrauchen. Für viele Rentner, die sich über Jahrzehnte einen Notgroschen für Reparaturen oder die eigene Beerdigung mühsam abgespart haben, ist diese Bedingung eine psychologische Barriere, die sie lieber in Armut verharren lässt, als staatliche Hilfe zu suchen.
30 Jahre Arbeit und doch nur Rente auf Bürgergeld-Niveau
Rentner mit Grundsicherung im Alter
| Jahr | Insgesamt | Männlich | Weiblich |
|---|---|---|---|
| 2015 | 536.121 | 214.089 | 322.032 |
| 2016 | 525.595 | 216.869 | 308.726 |
| 2017 | 544.090 | 227.665 | 316.425 |
| 2018 | 559.419 | 236.236 | 323.183 |
| 2019 | 561.969 | 243.654 | 318.315 |
| 2020 | 564.110 | 249.465 | 314.645 |
| 2021 | 588.780 | 261.350 | 327.435 |
| 2022 | 658.540 | 282.780 | 375.760 |
| 2023 | 689.590 | 297.740 | 391.850 |
| 2024 | 738.840 | 319.895 | 418.950 |
Vom Auffangnetz zum Dauerzustand
Ursprünglich war die Grundsicherung als letztes Netz für Härtefälle gedacht. Doch die aktuellen Zahlen beweisen: Das Netz wird zum Standard-Zubehör der deutschen Rente. Wer Grundsicherung bezieht, lebt am absoluten Existenzminimum. Rücklagen für neue Haushaltsgeräte oder Zahnersatz existieren nicht; jede Preiserhöhung bei Lebensmitteln wird zur existenziellen Bedrohung.
Politische Brisanz: System am Limit
Angesichts dieser Daten wächst der politische Druck. Das Bündnis Sahra Wagenknecht sieht in den Zahlen den Beleg für ein „kaputtes Rentensystem“. Während die Forderungen nach einer grundlegenden Strukturreform – etwa nach dem Vorbild Österreichs – lauter werden, bleibt der Befund für das Jahr 2025 eindeutig: Das Versprechen eines Lebensabends in Würde ist für über eine Dreiviertelmillion Menschen in Deutschland faktisch gebrochen.
Der aktuelle Rekordwert dürfte daher nicht der letzte sein. Solange die Schere zwischen Rentenhöhe und Wohnkosten weiter auseinandergeht, wird die Grundsicherung für immer mehr Senioren zum notwendigen Übel des Alltags.
