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Bürgergeld beantragen? Für viele ist die Scham größer als die Not

Es ist wirklich traurig, aber Scham und die Angst vor der Reaktion des Umfelds halten immer mehr bedürftige Menschen davon ab, mit dem Bürgergeld die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die ihnen zusteht. Unterm Strich waren es, so eine Studie des Sozialwissenschaftlers Felix Wilke von der Ernst-Abbe-Hochschule Jena, vier von zehn Hilfebedürftigen mit Anspruch, die ganz bewusst darauf verzichten, einen Antrag auf Bürgergeld zu stellen. Verantwortlich dafür ist vor allem die ständige Hetze gegen Betroffene.

Das ist die aktuelle Bürgergeld-Statistik

Wie viele Haushalte Bürgergeld erhalten, haben wir anhand der aktuellen Jobcenter Statistik ausgewertet und die jüngsten Zahlen zusammengestellt. Insgesamt gibt es einen Bestand von 2.860.530 Bedarfsgemeinschaften und je bedürftigen Haushalt werden durchschnittlich 1.351 Euro Bürgergeld im Monat ausgezahlt.

Studie: Bürgergeld reicht nicht für das Nötigste

Eine Bedarfsgemeinschaft kann dabei ein 1-Personen-Haushalt sein, ein Paar oder auch eine Familie mit Kindern. Die nachfolgende Tabelle zeigt die aktuelle Aufteilung:

BedarfsgemeinschaftHaushalteØ Bürgergeld
im Monat
Single1.630.9641.058 Euro
Alleinerziehende518.8101.503 Euro
Paar ohne Kinder231.4241.457 Euro
Familie mit Kindern409.1092.246 Euro
nicht zuordenbar70.0601.479 Euro
Bürgergeld-Haushalte mit Höhe des Zahlungsanspruchs, Stand 12/2025

Der immense Druck auf Bürgergeld-Bedürftige

Galt Hartz IV bereits als Stigma, ist der Druck für Bürgergeld Bedürftige inzwischen noch größer. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht gegen Leistungsempfänger geschossen wird. Mal werden die Regelsätze als unangemessen hoch beschimpft und immer öfter nach härteren Sanktionen gerufen. Und bei all dieser Kritik schwingt immer der Vorwurf mit, dass Bürgergeldempfänger schlichtweg faul sind und jederzeit einen Job finden könnten, wenn sie wollten.

Bürgergeld und Jobcenter Bürokratie verbreiten Angst

Das Gefühl des persönlichen Scheiterns

Knapp die Hälfte der Deutschen ist laut Felix Wilke der Auffassung, dass nur, wer wirklich auf Bürgergeld angewiesen ist, es auch beantragen sollte. Das macht etwas mit jenen, die tatsächlich finanzielle Unterstützung benötigen. Sie betrachten den Antrag auf Bürgergeld aufgrund des Drucks von außen als persönliches Scheitern und belastend. Daher nehmen 40 Prozent der Berechtigten ihren Anspruch auf Bürgergeld nicht wahr. Bei der Grundsicherung im Alter – (Bürgergeld-Variante für Rentner) sind es sogar 60 Prozent. Sie suchen stattdessen nach anderen Lösungen, nutzen die Hilfe der Familie oder tauschen, um auch mit wenig Geld über die Runden zu kommen.

Wer in Armut aufwächst, bleibt arm

Professor Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), warnte davor, dabei nur die Einsparungen im Sozialsystem zu sehen. Unter den Anspruchsberechtigten seien viele Familien mit Kindern. Wer in Armut aufwachse und schon in den ersten Lebensjahren Armut erfahre, bleibe auch später arm.

Bürgergeld ist kein Almosen

Daher forderte der DIW-Präsident, Menschen nicht länger zu einem Bürgergeld-Antrag zu zwingen und sie zu nötigen, „die Hosen runterzulassen“. Das Bürgergeld sei kein Almosen, sondern ein Rechtsanspruch, betonen Marcel Fratzscher und Felix Wilke: „Bei der Rente würden sie nie auf die Idee kommen: Verdienen sie das jetzt, was sie da jetzt bekommen?“

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Warum Sanktionen wirkungslos sind

Dass mit mehr Bürgergeld Bedürftigen auch höhere Ausgaben einhergehen, ist den beiden Experten bewusst. Ebenso, dass die Armutsquote dadurch steigen würde. Doch schon aus Gründen der Gerechtigkeit sollte die Gesellschaft diese Leistung erbringen, meint der Sozialwissenschaftler. Von der Idee, Menschen mit härteren Sanktionen zur Arbeit zu zwingen, hält er indes nichts. Auch Marcel Fratzscher spricht sich gegen Leistungskürzungen aus, weil sie keinen wirtschaftlichen Nutzen hätten.