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Rente mit 70: Durchgesickert, dementiert – und trotzdem real

Das Rentensystem steht vor einer grundlegenden Reform – daran zweifelt niemand mehr. Die arbeitende Bevölkerung wird kleiner, die Zahl der Rentner steigt, und die Lebenserwartung nimmt zu. Jährlich schießt der Staat bereits über 100 Milliarden Euro in die Rentenkasse. Die schwarz-rote Bundesregierung hat deshalb eine 13-köpfige Expertenkommission eingesetzt, die bis Ende Juni Reformvorschläge vorlegen soll. Was dabei auf dem Tisch liegt, ist inzwischen durchgesickert – unter anderem eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre. Die Reaktionen fallen scharf aus.

Was konkret diskutiert wird

Laut Informationen, die über die „Bild“-Zeitung an die Öffentlichkeit gelangten, will das Gremium empfehlen, das Renteneintrittsalter schrittweise von 67 auf 70 Jahre anzuheben. Der Zeitplan: Rente mit 68 ab Anfang der 2040er, Rente mit 69 ab Anfang der 2050er, Rente mit 70 ab Anfang der 2060er. Betroffen wären alle, die nach 1990 geboren sind – also die heutigen Mittdreißiger und alle Jüngeren.

Arbeiten für niedrige Rente: Der Teufelskreis, dem kaum einer entkommt

Zusätzlich soll das Rentenniveau nach 2031 von derzeit 48 Prozent schrittweise auf 46 Prozent des Durchschnittslohns sinken. Auch die „Rente mit 63″ soll laut dem Bericht zur Disposition stehen. Ob und wie die Kommission diese Punkte tatsächlich empfiehlt, ist bis zur Vorlage des Abschlussberichts offen.

Das Dementi – und was es wert ist

Die Reaktion aus der Kommission kam schnell. CDU-Bundestagsabgeordneter Pascal Reddig erklärte, der Bericht treffe „schon deshalb nicht zu, weil bislang über die beschriebenen Punkte noch keine Beschlüsse getroffen wurden.“ SPD-Abgeordnete Annika Klose verwies auf die vereinbarte Vertraulichkeit und ergänzte, „dass vieles noch nicht entschieden ist und wir noch vier bis fünf Wochen brauchen.“ Ko-Vorsitzende Constanze Janda bestätigte, die Kommission plane ihren Abschlussbericht für den 29. Juni.

Auch das Bundesarbeitsministerium lehnte eine Stellungnahme ab: Man kommentiere „keine vermeintlichen Zwischenstände aus der Rentenkommission.“

Das sind Dementis im engeren Sinne: Nichts ist beschlossen – nicht, dass es nicht diskutiert wird. Laut übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien ist ein höheres Renteneintrittsalter sehr wohl ein Szenario in den Beratungen. Die Kommission selbst bestätigte nicht, was sie bespricht, sondern nur, dass noch keine Beschlüsse gefasst wurden.

Das Grundproblem ist unabhängig vom Leak real

Das Grundproblem ist unbestritten: Das deutsche Rentensystem basiert auf dem Umlageprinzip – die arbeitende Bevölkerung finanziert die laufenden Renten. Die Geburtenraten sind seit Jahrzehnten niedrig, die Babyboomer gehen in Rente, und die Lebenserwartung steigt. Laut Berechnungen, die der Vorsitzende des Bundesvorstands der Deutschen Rentenversicherung, Alexander Gunkel, im Herbst 2025 nannte, sinkt das Rentenniveau nach 2031 ohnehin dauerhaft unter 48 Prozent – auf etwa 46,3 Prozent. Das ist keine Spekulation, das ist die aktuelle Projektion.

Alarmierende Entwicklung: Rentenalter steigt – Rentenhöhe sinkt

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hatte Mitte Mai öffentlich gefordert, das gesetzliche Rentenalter nach 2031 systematisch an die steigende Lebenserwartung zu koppeln: „Das halte ich für nahezu unausweichlich, wenn wir – zum Glück – immer länger leben.“ Ein konkretes Modell sieht vor, das Renteneintrittsalter um acht Monate anzuheben, wenn die Lebenserwartung um ein Jahr steigt. Bis 2070 käme man in diesem Szenario tatsächlich bei 70 Jahren an.

Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) nannte es gegenüber der „Welt“ „sehr vernünftig“, dass eine steigende Lebenserwartung sich auf die Lebensarbeitszeit auswirken müsse. Unionsfraktionsvize Sepp Müller erklärte bei RTL und n-tv: „Ich finde es richtig, wenn unsere Generation in den 2050er-Jahren bis 70 arbeiten geht.“

Der Koalitionsvertrag sagt etwas anderes

Im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht – auf Betreiben der SPD – explizit, man wolle „statt einer weiteren Erhöhung des gesetzlichen Renteneintrittsalters mehr Flexibilität beim Übergang vom Beruf in die Rente.“ Die Haltelinie für das Rentenniveau bei 48 Prozent gilt bis 2031. Danach – schweigt der Vertrag.

Die SPD ist klar gegen eine generelle Anhebung der Altersgrenze. Ohne SPD-Zustimmung ist eine solche Reform in der aktuellen Koalition nicht umsetzbar. Selbst wenn die Kommission eine Empfehlung in diese Richtung ausspricht, wäre der politische Weg bis zu einem Gesetz lang. Bundeskanzler Merz hat einen Gesetzentwurf frühestens im Herbst 2026 in Aussicht gestellt, das parlamentarische Verfahren würde sich bis 2027 ziehen. Die meisten Maßnahmen würden erst ab den 2030er-Jahren greifen.

Die Gegner – und ihr Argument

Gewerkschaften, Sozialverbände und Teile der Union selbst lehnen die Rente mit 70 ab. DGB-Chefin Yasmin Fahimi sagte im ARD-Morgenmagazin: „Ich finde das interessant, dass sozusagen unter Reform verstanden wird: Es muss möglichst viele Schmerzen auslösen.“ ver.di-Chef Frank Werneke warnte vor „programmierter Altersarmut“ und einer „Bedrohung für die Generation von Erwerbstätigen, die heute in der Mitte ihres Arbeitslebens stehen.“

Das Argument dahinter ist nicht nur politisch. Dennis Radtke, Vorsitzender des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, formulierte es so: „Wir haben schon heute Menschen, die aufgrund der Belastung keine Chance haben, überhaupt bis 67 zu arbeiten.“ Bauarbeiter, Pflegekräfte, Lagerlogistiker – wer mit 20 anfängt, körperlich zu arbeiten, hat nach 50 Jahren Arbeit schlicht keine Substanz mehr für drei weitere.

Juso-Vorsitzender Philipp Türmer schlug einen differenzierteren Ansatz vor: Die tatsächliche Lebensarbeitszeit und körperliche Belastung sollten die Grundlage bilden. Akademiker, die erst mit 28 ins Berufsleben einsteigen, könnten länger arbeiten – wer mit 18 auf dem Bau anfängt, kann das schlicht nicht.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, nannte die möglichen Maßnahmen einen „Schlag ins Gesicht vor allem der jüngeren Generation.“

Was sonst noch auf dem Tisch liegt

Die Kommission diskutiert ein Gesamtpaket. Neben dem Renteneintrittsalter geht es auch um höhere Beitragssätze (aktuell 18,6 Prozent), eine mögliche Kopplung der Rentenanpassungen an die Inflation statt an die Lohnentwicklung, die Einbeziehung von Beamten und Freiberuflern sowie Anreize für längeres Arbeiten. Auch die Frage, ob Beamte künftig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen sollen, ist dem Vernehmen nach noch nicht abschließend geklärt.

Warum die Zahlen jetzt öffentlich wurden

Über die genauen Gründe lässt sich nur spekulieren – das räumen auch die Medien ein, die den Vorgang einordnen. In der Politik werden interne Informationen immer wieder gezielt nach außen gegeben, um Reaktionen zu testen oder eine Debatte in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die Linke wertete die Veröffentlichung als „Wunschliste der Union“. Die Grünen kritisierten, dass einzelne Diskussionsstände „durchgestochen“ würden und viele Menschen verunsichert würden. Grünen-Fraktionschefin Britta Haßelmann erklärte, kämen solche Vorschläge, wäre das „ein Versagen der Regierungskoalition“.

Klar ist: Die eigentliche Debatte beginnt erst am 29. Juni, wenn die Kommission ihren Bericht vorlegt. Was jetzt passiert, ist das Aufwärmen der Fronten – bevor der Machtkampf richtig anfängt.