Wieder kursieren große Zahlen, wieder kippt die Stimmung. Aktuell sind es 4,4 Milliarden Euro an offenen Forderungen, die medial als Beleg für massiven Missbrauch herhalten müssen – und am Ende bleibt dieselbe Botschaft hängen: Beim Bürgergeld werde betrogen. Bürgergeld-Empfänger geraten erneut unter Generalverdacht. Nicht, weil neue Fakten bekannt geworden wären, sondern weil bekannte Zahlen politisch und medial umgedeutet werden.
Eine Zahl reicht, um Schuld zu verteilen
Ausgangspunkt der aktuellen Debatte sind offene Forderungen der Jobcenter in Milliardenhöhe. Diese Summe ist nicht neu. Sie wird regelmäßig in Berichten genannt und beschreibt Geld, das theoretisch zurückgezahlt werden müsste. Doch in der öffentlichen Darstellung passiert etwas Entscheidendes: Aus offenen Forderungen wird Sozialbetrug. Aus Verwaltungsvorgängen wird moralisches Fehlverhalten. Aus Bürgergeld-Empfängern werden Täter.
Jobcenter sollen Bürgergeld-Forderungen konsequent eintreiben
Dabei lohnt ein Blick hinter die Fassade der „4,4 Milliarden“: Diese Summe ist kein Jahresschaden. Es ist ein statistischer Schuldenberg, der sich über viele Jahre hinweg kumuliert hat. Er umfasst alles – von alten Darlehen für Waschmaschinen bis hin zu bürokratischen Überzahlungen aus der Zeit vor der Pandemie. Setzt man diesen „Altlasten-Berg“ ins Verhältnis zum jährlichen Budget von über 50 Milliarden Euro, zeigt sich, dass hier eine gigantische Zahl künstlich aufgebläht wird, um politischen Druck auf die Schwächsten auszuüben, statt die Fehler im System selbst zu benennen.
Was offene Forderungen wirklich bedeuten
Offene Forderungen entstehen aus vielen Gründen. Überzahlungen, weil Einkommen schwankt oder falsch eingeschätzt wurde. Nachträgliche Korrekturen, weil Angaben verspätet geprüft werden. Darlehen, die zurückgezahlt werden sollen. All das landet in einer Statistik. Diese Statistik unterscheidet nicht zwischen Vorsatz und Irrtum. Sie ist Verwaltung, kein Strafregister.
Trotzdem wird genau diese Unterscheidung im öffentlichen Diskurs aufgehoben. Der Begriff Betrug wirkt stärker als jede Fußnote. Er braucht keine Erklärung, nur Empörung.
Zahlen vs. Vorurteile: Die offizielle Statistik der Bundesagentur für Arbeit zeigt ein Bild, das weit weniger spektakulär ist als die Schlagzeilen: Die Quote des nachgewiesenen Leistungsmissbrauchs bewegt sich seit Jahren stabil im niedrigen einstelligen Prozentbereich.
Die bewusste Verkürzung
Wer behauptet, Milliarden würden „durch die Lappen gehen“, suggeriert Absicht. Wer sagt, Forderungen würden „kaum eingetrieben“, suggeriert Wegsehen. Dass viele dieser Forderungen praktisch uneinbringlich sind, weil Betroffene kein pfändbares Einkommen haben, passt nicht in diese Erzählung. Also fällt es unter den Tisch.
So entsteht ein Zerrbild. Nicht das System mit seinen komplizierten Regeln steht im Fokus, sondern der einzelne Bürgergeld-Empfänger. Die Verantwortung wird nach unten verschoben.
Wenn politische Forderungen Schuldige brauchen
Die Debatte folgt einem bekannten Muster. Immer dann, wenn strengere Regeln, mehr Kontrollen oder härtere Rückforderungen gefordert werden, braucht es ein moralisches Fundament. Dieses Fundament liefert der Betrugsvorwurf. Er rechtfertigt Härte. Er macht Widerspruch verdächtig.
Dass dieselben Zahlen seit Jahren bekannt sind, spielt keine Rolle. Neu ist nicht die Information, neu ist die Tonlage. Sie ist schärfer, pauschaler und richtet sich klar gegen eine Gruppe, die sich kaum wehren kann.
Medien als Verstärker
Mediale Zuspitzung verstärkt diesen Effekt. Große Summen funktionieren als Schlagzeile. Differenzierung kostet Platz. Am Ende bleibt beim Publikum oft nur hängen: Milliardenbetrug beim Bürgergeld. Die Korrektur folgt später, wenn überhaupt – und erreicht längst nicht dieselbe Aufmerksamkeit.
So verfestigt sich ein Bild, das mit der Realität wenig zu tun hat, aber politisch nützlich ist. Bürgergeld-Empfänger erscheinen nicht mehr als Menschen in schwierigen Lebenslagen, sondern als Kostenfaktor mit fragwürdiger Moral.
Die Folgen der Zuschreibung
Diese Art der Debatte bleibt nicht folgenlos. Sie prägt Entscheidungen, verschärft Kontrollen und senkt die Schwelle für Sanktionen. Fehler werden schneller als Täuschung gelesen. Unklarheiten als Verdacht. Das Vertrauen zwischen Verwaltung und Leistungsberechtigten leidet – und genau dieses Vertrauen wäre nötig, um Regeln verständlich umzusetzen.
Am Ende entsteht ein Klima, in dem nicht mehr gefragt wird, ob Regeln sinnvoll und praktikabel sind. Gefragt wird nur noch, wer schuld ist.
Alte Erzählung, neuer Aufguss
Die aktuelle Aufregung bringt keinen Erkenntnisgewinn. Sie ist die Wiederholung einer alten Erzählung. Bürgergeld-Empfänger werden zu Betrügern erklärt, weil es einfacher ist, Schuld zuzuweisen, als Strukturen zu hinterfragen.
Wer wirklich über Milliarden sprechen will, müsste über komplizierte Gesetze, widersprüchliche Vorgaben und politische Entscheidungen reden. Doch das ist weniger eingängig als der Verdacht gegen die, die ganz unten stehen.
Worum es wirklich geht
Es geht nicht um Aufklärung. Es geht um Deutungshoheit. Wer bestimmt, was eine Zahl bedeutet, bestimmt auch, wer dafür verantwortlich gemacht wird. Solange offene Forderungen automatisch als Betrug gelesen werden, bleibt der Schuldige derselbe.
Bürgergeld-Empfänger werden nicht wegen neuer Fakten zu Betrügern erklärt, sondern weil diese Erklärung politisch passt.
