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Bürgergeld-Experimente stellen Bedürftige als unfähig dar

Mann vor Tafel mit einfacher Rechenaufgabe

Sie polarisieren. Das ist der einzige Effekt, den Bürgergeld-Experimente haben. Mal eben für eine Woche oder fünf Monate mit dem Budget vom Amt leben, um dann zu erklären: gar kein Problem. Derlei Selbstversuche waren zur Einführung des Bürgergelds populär. Und auch jetzt, nachdem die Regelsätze für 2024 bekannt sind, wird wieder fleißig getestet. Experten wie „Sozi Simon“ lassen derlei Spielereien die Hutschnur platzen.

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Kann ich mich mit dem Bürgergeld gesund ernähren? Wie voll ist mein Einkaufswagen mit dem Regelbedarf eines Bürgergeldempfängers angesichts der Inflation? Diese und viele andere Fragen und Berechnungen wurden bereits mit Experimenten geklärt. Daraus resultieren dann Tipps wie Haferschleim als nahrhafte Mahlzeit, Gemüsesuppen, Tafelbesuche oder der Hinweis, dass im Supermarkt nebenan gerade dies oder das Produkt im Angebot ist.

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500 Euro übrig

An diese unsäglichen Versuche knüpft auch das Experiment einer Familie an, die fünf Monate lang vom Bürgergeld lebte und dem „Focus“ voller Stolz erklärt: Im ersten Monat habe man 500 Euro übriggehabt. Die im Artikel genannten Zahlen und Fakten, die laut Familie in enger Absprache mit dem Jobcenter geklärt wurden, sind laut „Sozi Simon“ auf „X“ (ehemals Twitter) zwar weitgehend korrekt. Aber: Sie geben nicht einmal ansatzweise die Lebenswirklichkeit Bürgergeld-Bedürftiger wieder.

Experte übt Kritik am Experiment

Deshalb musste der „Sozialarbeiter aus Leidenschaft“ Dampf ablassen – wofür er sich entschuldigt, was aber gar nicht nötig gewesen wäre. Denn er macht sehr eindrücklich auf die Crux solcher Bürgergeld-Experimente aufmerksam. Zunächst gilt: Die Familie hätte nach einer Woche das Handtuch schmeißen und weitermachen können wie bisher. Dann hätte es kein medienwirksames Finale gegeben. Mehr wäre aber auch nicht passiert.

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Unregelmäßige Ausgaben wurden ignoriert

Was aber weitaus schwerer wiegt und das Experiment wertlos macht: Unregelmäßige Kostenpunkte und auch die häufigen Aufrechnungen aufgrund von Darlehen oder Überzahlungen seien bei dem Versuch ignoriert worden. Musste das Jobcenter die Kaution zahlen, wie sieht es mit der Stromrechnung und möglichen Nachforderungen aus? Gab es seitens des Jobcenters Rückforderungen, weil man einen Job gefunden hat? Und wie ist es mit den Ausgaben für das Auto der Familie wie TÜV, Versicherung und Co.?

„Das scheint alles nicht verbucht zu sein“,

konstatiert „Sozi Simon“.

Aus seiner Sicht bringen solche Experimente gar nichts. Sie spiegelten nur die wirtschaftliche Seite der Medaille wider, nicht aber den Druck, die Existenzängste und bisweilen auch den Stress mit dem Amt. Kurzum: Die Versuche dienten nur dazu, Leistungsberechtigte als unfähig hinzustellen.

„Das ist aber Unsinn – sie sind Experten für ihre Lebenssituation“,

betont der Sozialarbeiter.

Widerworte nicht erwünscht

Daran hat die Familie allerdings Zweifel. Kritik an den Tipps – etwa Sonderangebote, die nur leider nicht überall gelten und für Menschen in strukturschwachen Regionen meist unerreichbar sind – nimmt man sehr persönlich.

„Man fragt sich dann schon: Wollen manche vielleicht insgeheim am liebsten in einer Art Opferrolle verharren?“,

erklärte die Mutter dem „Focus“. Nein, das möchten Bürgergeld-Bedürftige ganz sicher nicht. Sie wollen fair behandelt und nicht als Deppen hingestellt werden, die einfach nur zu blöd sind, richtig zu haushalten.

Bild: andriano.cz/ shutterstock.com

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